Eyes wide shut

Wie wir uns in Partnerschaften mit Trugbildern
unglücklich machen.

by Jochen Ulbing

Ein sehr weiser Spruch lautet: „Man heiratet nicht eine Person sondern drei: den Menschen den man sieht, den Menschen der er wirklich ist und schließlich den Menschen, zu dem er sich in der Ehe mit einem entwickeln wird.“ Heute heiraten wir zwar seltener und dafür weniger oft, der Spruch gilt für Partnerschaften ohne Trauschein aber ebenso.

Die meisten Beziehungen beginnen mit einem Irrtum und enden auch damit. Wir glauben, dass wir uns in unser Gegenüber verlieben und sind doch nur in jenes Bild verliebt, dass sich in den Augen unseres Partners spiegelt. Wir beenden Beziehungen in dem Glauben, dass die Probleme verschwinden wenn wir uns trennen und der ideale Partner eben noch irgendwo da draußen auf uns wartet. Interessanter Weise erleben viele Menschen, mit denen ich spreche, dass die selben Probleme mit dem nächsten Partner wieder kommen – bloß schneller. Vielleicht liegt das daran, dass wir unsere Probleme in uns tragen – ein kleiner verwegener Gedanke.

Was uns oft unglücklich macht ist der Vergleich. Wir vergleichen die Beziehungen, die wir haben damit wie wir glauben, dass Beziehung eigentlich sein müsste – und die Bilder wie Beziehung sein muss haben wir aus Kinofilmen, made in Hollywood. Irgendwie ist uns aber oftmals nicht klar, dass es sich dabei um Märchen handelt – keine Geschichten, die das Leben schreibt. Dann sehnen wir uns nach der perfekten Frau oder dem perfekten Mann, der großen romantischen Geste,… Der Alltag jedoch ist anders: Offene Zahnpasta-Tuben, Socken unter oder auf dem Sofa, der Streit darüber ob der WC-Deckel oben oder unten sein sollte – Alltagsdramen, die es praktisch in jeder Beziehung gibt. Der Vergleich heißt dann Brad Pitt gegen stinkende Socken, oder Angelina Jolie gegen zwanghaftes Staubsaugen während dem Champions-League Finale und das bei dem Anspruch, dass es in einer Beziehung „prickeln“ muss. Dass soll nicht heißen, dass es nicht in einer Beziehung immer wieder verliebte oder romantische Phasen gibt und geben soll – doch die Mühen der Ebene müssen wir dafür mit in Kauf nehmen, wenn wir wirklich eine erfüllte Partnerschaft möchten.

Liebe ist ein willentlicher Akt, nicht etwas das halt passiert. Nicht umsonst heißt es im christlichen Ehegelöbnis: „Ich will Dich achten, ehren und lieben alle Tage meines Lebens.“ Es wäre geradezu verrückt etwas zu geloben, von dem wir glauben es nicht beeinflussen zu können, nicht wahr? Aber zugegeben als Ausrede ist es bequemer. Und ob das noch nicht genug wäre tun wir so als ob in Beziehungen keine schlimmen Dinge passieren könnten und tun dann überrascht, wenn beispielsweise der Partner, die Partnerin sich sexuell mal auswärts vergnügt. Ich will hier nicht der Promiskuität das Wort reden, doch wenn statistisch erwiesen 90% der Männer mindestens einmal in ihrem Leben untreu sind und 80% der Frauen, wie groß ist dann wohl die Chance, dass dies in Deiner Beziehung garantiert nicht passiert? Statt Krisen als Chance zur Entwicklung und des besseren Kennenlernen seines Partners zu betrachten haben wir zur Gewohnheit entwickelt den „Ich kann nicht mehr.“ – Reflex auszupacken und uns davonzustehlen.

Nach meinen Erfahrungen gehört zu jeder wirklich guten Beziehung eine gehörige Portion Leidensfähigkeit beider Partner und der Wille Krisen und Probleme gemeinsam anzupacken. Im Gegensatz zu „verliebt sein“ bedeutet Liebe ein „trotzdem“. „Ich liebe Dich trotzdem Du den Klodeckel immer oben lässt. Ich liebe Dich trotzdem Du immer dann reden möchtest wenn ich Fußball schaue. Ich liebe Dich trotzdem Du Sex mit jemand anders hattest.“ Wenn wir beginnen nicht mehr die Illusion von Partnerschaft zu lieben, sondern unseren Partner ansehen und sagen: „Ich will Dich lieben.“, dann ist Beziehung erstmals möglich in einer Partnerschaft auf Augenhöhe, die anerkennt was ist, und gleichzeitig sieht was noch möglich sein kann. Je eher wir von Trugbildern und Illusionen loslassen, desto größer die Chance auf erfüllte und gelungene Beziehungen.

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About Jochen Ulbing

Jochen ist Unternehmensberater und systemischer Coach, Geschäftsführer und Gesellschafter von Ulbing consulting. Als Autor des Buchs „BeziehungsFlow“, welches 2007 im Österreichischen Wirtschaftsverlag erschienen ist beschäftigt er sich mit Unternehmensführung für Kleine und Mittlere Unternehmen. Beziehungen zwischen Menschen in und um Unternehmen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Er ist seit 11 Jahren mit (der gleichen) Frau verheiratet und hat eine 12 jährige Tochter aus dieser Beziehung. In seiner Freizeit ist er Familiencoach. Er ist Mitglied der ICF (International Coaching Federation).

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